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Rheinische Post 27. Jan. 2009 Lokalteil Wesel

Deutsche Kartoffeln schmecken besser als Australische

Claire O`Brien aus Australien lebt für ein Jahr in Bocholt; die Stadt berichtet

Leckerer deutscher Start

(v.l.) Mitch und Yuan Yao aus Malaysia, Juan aus Argentinien, Paula und Gabriella aus Brasilien, Claire aus Australien; RP-Foto Ekkehart Malz

Leckerer deutscher Start                                     Rheinische Post  24.3.2008

Junge Leute aus Australien, Argentinien, Malaysia und Brasilien: Bei Sauerkraut und Kartoffelpüree, bei Kartoffelsalat und Würstchen lernten die Ankömmlinge schmecken, was es heißt, Austauschschüler zu sein.

VON ELLEN SCHLÜTTER
 

  Sauerkraut und Kartoffelpüree stehen auf dem großen Tisch im Wohnzimmer der Familie W.

  Außerdem gibt es Kartoffelsalat und Würstchen: typisch deutsches Essen sollten die sechs Austauschschüler der Organisation AFS "Interkulturelle Begegnungen" kennen lernen, die nun für ein Jahr in Wesel und Umgebung leben. Das Essen, bei dem alle kräftig mitgewirkt haben, schmeckt den Gästen aus Australien, Argentinien, Brasilien und Malaysia gut. "Kartoffelsalat und Würstchen sind super, das Sauerkraut nicht so", stellt Mitchell aus Malaysia anschließend fest.

 

Schön kalt bei den "Krauts" . . .

 

  Seit 60 Jahren ist die Organisation in Deutschland aktiv, um Schülern internationalen Austausch zu ermöglichen. "Es geht uns nicht nur darum, dass die Schüler hier die Sprache lernen, sondern mehr um interkulturelle Erfahrungen", erklärt Anne Baumgart, die Vorsitzende des AFS im Bereich Wesel, Emmerich und Bocholt (WEB). Sie selbst ist zum siebten Mal Gastmutter, in diesem Jahr wohnt Paula aus Brasilien bei ihr. Für die Jugendlichen wird ein Mal in der Woche ein begleitender Deutsch-Kursus angeboten.

  Damit die Schüler auch etwas vom Land sehen, sind Fahrten nach Berlin, Hamburg und Neuschwanstein geplant. Nach dem gemeinsamen landestypischen Essen gibt es für die sechs Schüler viele hilfreiche Informationen zum Leben in Deutschland: Wie man sich bei Tisch verhält, wie deutsches Familienleben funktioniert oder wie man den Tritt ins Fettnäpfchen vermeidet. Während des Austauschjahres wird jeder Schüler von einem deutschen Schüler begleitet, der selber bereits ein Jahr im Ausland war.

  Auch für die Gastfamilien gibt es Ansprechpartner. Die ersten großen Unterschiede sind den Jugendlichen schon bei der Ankunft aufgefallen: "Es ist schön kalt hier", meint Yao aus Malaysia. Beim Frühstück hat er sich auch umstellen müssen: In seiner Heimat isst man morgens scharf gewürzten Reis mit Kokosöl.

  Doch er hat seinen Favoriten hier schon entdeckt: "Brot mit Schokoladencreme und Käse ist lecker", strahlt er. Beim "Begrüßungstag" am Samstag tauschten die Gäste ihre ersten Erfahrungen aus. "Ich bin auf der Autobahn gefahren, das war spannend", erzählt Claire aus Australien. Ob es das Essen, das Schulsystem oder der Straßenverkehr ist, vieles unterscheidet Deutschland von den Heimatländern der Jugendlichen. Und das ist auch der Grund, warum sich Paula aus Brasilien für Deutschland entschieden hat: "Ich wollte in ein Land, das sich so viel wie möglich von Brasilien unterscheidet." Mitchell sagt: "Mich interessieren die Technologie, die Autos und Fußball", sagt er lachend. Deswegen will er unbedingt einmal ins Stadion. "Am liebsten zu Schalke".

 

 

                                                  

      

Ihr Deutschen trinkt viel Bier und esst zu viel Fast Food" WESEL. Oh, oh. Da werden aber im Sommer ganz sicher viele dicke Tränen rollen, wenn Elina ihre Gastfamilie und ihrem neuen Freund Adieu sagen muss. Denn dann geht's zurück nach Lettland. Auch Lucia aus dem südamerikanischen Paraguay darf gar nicht an den Abschied denken. Denn auch sie fühlt sich nach einer Eingewöhnungsphase mittlerweile bei Familie Goltz in Obrighoven pudelwohl. Seit September leben die beiden Gymnasiastinnen in Wesel. Elina, die bei Familie Körner in der Feldmark wohnt und zum Konrad-Duden-Gymnasium geht, hat sich schnell eingelebt. "Die Weseler sind zwar sehr nett, aber man muss am Anfang schon auf sie zugehen", sagt sie. Etwas anders als bei ihr zu Hause, wo die Menschen im Durchschnitt noch etwas gastfreundlicher sind. Und noch etwas ist völlig anders: "Ihr trinkt in Deutschland so viel Bier und esst viel Fast Food. Lasagne aus der Kühltruhe und so viel Pizza", sagt sie. Das Schlimme dabei: Es schmeckt auch noch. Die Folgen sind bei Elina unübersehbar: Sieben Kilo hat das freundliche und lebenslustige Mädchen in Wesel zugenommen. Auch Lucia war das deutsche Frühstück mit Brötchen und Marmelade unbekannt. Besonders angetan haben es ihr Streusel- und Apfelkuchen. "Das gibt's bei uns leider nicht", sagt Lucia, die sich vorstellen könnte, später einmal in Deutschland Wirtschaft zu studieren - wenn es die Finanzen zulassen. "Gastmutter ist Mama" Beide Mädchen sind heilfroh, mit AFS nach Deutschland gekommen zu sein. Denn die hier gemachten Erfahrungen möchten sie keinesfalls missen. "Mit meiner Gastmutter verstehe ich mich so gut, dass ich Mama zu ihr sage", erzählt Elina, die sich wie die Tochter des Hauses fühlt. Heimweh hat sie nicht, telefoniert aber einmal wöchentlich mit ihrer Familie. "Da fragt man mich, was los sei. Ich hätte so einen seltsamen Akzent in der Stimme", lacht sie. Mittlerweile träumt sie sogar in Deutsch. Elina und Lucia können jedem Jugendlichen nur empfehlen, selbst einmal die Erfahrung eines Auslandsjahres zu machen. "Nicht nur wegen der Sprache. Es ist toll, neue Leute zu treffen und etwas von einem anderen Land und seiner Kultur zu sehen." Gesehen haben die beiden Mädchen jedenfalls eine ganze Menge. Mit ihren Gastfamilie und Freunden war Elina bereits in Köln, Bonn und Essen. Lucia hat Berlin und Hamburg bereist.